Modellprojekt “Feuervogel” der Suchthilfe Aachen bietet unbürokratische und umfassende Hilfe für die rund 6 750 Kinder aus suchtbelasteten Familien in Aachen.
Lena steht morgens vor allen anderen auf. Sie sammelt die leeren Weinflaschen ein, leert die Aschenbecher und sorgt für frische Luft. Dann weckt sie ihre kleine Schwester Sara, hilft ihr beim Anziehen und schmiert die Schulbrote. Das alles geschieht möglichst leise, um die Mutter nicht zu wecken. Lena bringt Sara in die Schule, sie selber kommt nicht immer pünktlich. Lena ist 12 Jahre alt. Ihre Mutter ist Alkoholikerin.
Mit ihrem Schicksal ist Lena nicht alleine: Rund 2,6 Mio. Kinder unter 18 Jahre leben in Deutschland mit einem Alkohol missbrauchendem Elternteil zusammen, weitere 40 bis 60 Tausend Kinder mit einem drogenabhängigen Elternteil. Zusammen sind es 17,6 Prozent der Kinder, die in Deutschland in einer suchtbelasteten Familie leben. Überträgt man diese statistischen Zahlen auf die Stadt Aachen, bedeutet das 6.750 Kinder und Jugendliche in einer Familie mit mindestens einem suchtkranken Elternteil.
Speziell für diese Kinder hat die Suchthilfe Aachen das Modellprojekt “Feuervogel” entwickelt, das ein umfassendes Hilfsangebot für 7 bis 12- jährige Kinder und deren Bezugspersonen bietet und am 1. Januar 2009 an den Start gehen soll. Peter Schlimpen, Leiter der Jugend- und Drogenberatung der Suchthilfe Aachen, hat als Therapeut regelmäßig mit Kindern aus suchtbelasteten Familien zu tun. “Diese Kinder gehören zu den sozial und psychisch Benachteiligten unserer Gesellschaft. Sie erleben in ihren Familien Instabilität, Unberechenbarkeit, Vernachlässigung, körperliche und seelische Gewalt”, erläutert Schlimpen. “Außerdem übernehmen sie schon viel zu früh Verantwortung und überspringen dabei wesentliche Entwicklungsschritte.”
Verleugnung, Tabuisierung und Geheimhaltung gehören zum alltäglichen Leben dieser Kinder. Um die Eltern nicht bloßzustellen, reden sie nicht über die häusliche Situation und trauen sich nicht, Freunde mit nach Hause zu bringen. “Häufig geben sie sich sogar selber die Schuld für das Suchtverhalten der Eltern und fühlen sich als Versager”, so Sorica Amann, ebenfalls Therapeutin der Jugend- und Drogenberatung. Das Risiko, dass die Kinder Angststörungen, Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen entwickeln, ist hoch. 50 Prozent von ihnen werden später selbst suchtkrank.
“Feuervogel” sieht altergestaffelte Kleingruppen vor, um die Kinder in ihrer sozialen und individuellen Entwicklung zu fördern. Die Familien werden durch regelmäßige begleitende Elterngespräche einbezogen. “Das setzt allerdings voraus, dass die Eltern sich ihre eigene Suchtproblematik sehen und auch eingestehen, dass ihre Kinder darunter leiden,” so Amann “und diese Hemmschwelle ist sehr hoch.” Weiter Bausteine des Projekts sind Beratung, Begleitung und Behandlung für suchtmittelabhängige Schwangere, damit schon im Vorfeld der Schaden minimiert werden kann. Das ganze geschieht in Kooperation mit dem Jugendamt und Erziehungsberatungsstellen sowie Arztpraxen und Krankenhäusern. Außerdem soll es ein regelmäßiges Beratungs- und Schulungsanbot für Multiplikatoren wie Lehrer, Erzieher oder Sozialarbeiter geben.
Die Stadt Aachen hat bereits einen Zuschuss in Höhe von 25 Tausend Euro zugesagt, was allerdings die erwarteten Kosten bei weitem nicht deckt. Schlimpen ist zuversichtlich, dass eine tragfähige Finanzierung für die nächsten drei Jahre gesichert werden kann. “Die entsprechenden Projektanträge sind gestellt, und wir gehen davon aus, dass “Feuervogel” pünktlich zum Neuen Jahr startet.”
Informationen zu “Feuervogel” gibt es bei der Jugend- und Drogenberatung unter 0241 – 980 920.
Spendenkonto: 47 289 731 bei der Sparkasse Aachen, BLZ 390 50000
Stichwort “Feuervogel”












